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Samstag, 26. September 2015

Modellvergleich Koistinen Wing 5 - Lovikka Modern 5

Neulich wurde ich nach dem Unterschied zwischen den "modernen" Modellen von Koistinen und Lovikka gefragt. Da ich davon jeweils nur die fünfsaitigen Versionen habe, möchte ich die Unterschiede an diesen beiden Instrumenten zeigen. Das meiste gilt aber sinngemäß auch für die 11-saitigen Modelle der beiden Hersteller.

Vorweg ist zu sagen: beide Instrumente sind hervorragend verarbeitet. Bei beiden Instrumenten ist der Korpus aus dem massiven Holz herausgefräst (vermutlich CNC-gesteuert). Dadurch gibt es wahrscheinlich auch kaum Qualitätsschwankungen innerhalb der Bauserien. Mit beiden Instrumenten fährt man gut, und ich kann auch keine großen klanglichen Unterschiede feststellen.

Die Frage "Koistinen oder Lovikka?" ist also letztlich eine Frage der persönlichen Vorlieben. Ich möchte hier vier Aspekte hervorheben:

1. Instrumentenform

Draufsicht Koistinen Wing 5 (oben) und Lovikka Modern 5 (unten).
Eigenes Foto.

Das Foto macht die typische Form beider Modelle deutlich: bei Koistinen eine sehr großflächige Decke, komplett abgerundet. Das Koistinen-Modell ist schmaler und hat dort, wo die tiefen Saiten auslaufen, die typische Einbuchtung. Außerdem ist die Kante des Instruments an dieser Seite noch einmal abgefast.
Man sieht hier auch eine Besonderheit des Koistinen-Modells, die mich persönlich ein wenig stört: das Deckenholz ist Erle, die geschwungene Auflage für die rechte Hand dagegen aus dem deutlich helleren Ahorn-Holz. Das sieht bei Natur-Lackierung für mich etwas seltsam aus - bei einem farbig lackierten Modell spielt es freilich keine Rolle.

2. Halbtonhebel

Halbtonhebel bei Koistinen (oben) und
Lovikka (unten). Eigenes Foto.

Bei beiden Herstellern sind die Halbtonhebel ein kostenpflichtiges Extra. Bei Koistinen kostet jeder Hebel derzeit 50,-- Euro Aufpreis, bei Lovikka werden pro Hebel 45,-- Euro fällig. Üblich und sinnvoll ist bei den fünfsaitigen Modellen jeweils ein Hebel an der mittleren Saite, um schnell von f nach f# umschalten zu können. Bei den 11-saitigen Modellen empfehlen sich 5 Hebel. Einzelheiten zu den damit erzielbaren Stimmungen gibt's direkt im vorigen Beitrag dieses Blogs.
Auch wenn der Hebel bei Koistinen schön geschwungen ist, gefällt mir persönlich die Lösung von Lovikka besser. Bei Koistinen stört mich, dass an der Stelle, wo die Saite am Hebel entlangläuft, Kunststoff verwendet wird. Sicher möchte man damit einem Abreißen der Saite an dieser Stelle entgegensteuern - aber für mich sieht das auch wie ein Verschleißteil aus. Meine Befürchtung ist, dass sich die Saite im Lauf der Zeit in den Kunststoff "hineinfrisst" und irgenwann eine Reparatur erfordert. Außerdem missfällt mir bei Koistinen, dass die Schraubhülse des Hebels messingfarben ist (im Unterschied zu den chromfarbenen Stimmwirbeln und dem eigentlichen Halbtonhebel) - und dass mehrere Schrauben-Windungen aus dem Holz ragen. Das sieht für mich bei Lovikaa einfach alles solider und "stimmiger" aus.
Beide Systeme funktionieren aber gleich gut und verändern die Saite je nach Hebelstellung ziemlich exakt um einen halben Ton nach oben bzw. nach unten.

3. Saitenführung

Saitenführung auf der Stimmwirbelseite bei Koistinen (oben)
und bei Lovikka (unten). Eigenes Foto.

Im Zusammenhang mit den Halbton-Hebeln ist ein weiteres Detail zu beachten. Bei Lovikka sind die Saiten, an denen sich kein Stimmhebel befindet, in traditioneller Weise direkt vom Stimmwirbel weggeführt. Dort, wo sich ein Hebel befindet, ist allerdings ein zusätzlicher Führungsstift erforderlich (siehe untere Hälfte des obenstehenden Fotos). Dadurch liegt diese Saite sozusagen an drei Stellen an, die Saiten ohne Hebel aber nur an einer. Das verändert die Saitendruck-Verhältnisse etwas - und auch ganz leicht den Klang. Außerdem verschiebt es auf dieser Saite auch leicht die Oberton-Positionen, das hatte ich an dieser Stelle schon einmal beschrieben (erstes Foto im dortigen Post). Deshalb macht es Koistinen so, dass sie grundsätzlich vor jeden Stimmwirbel einen zusätzlichen Stift setzen - selbst bei Kantelen, auf denen überhaupt keine Halbton-Hebel installiert sind (siehe obere Hälfte des obenstehenden Fotos). So fällt keine Saite klanglich aus der Reihe, und auch die Obertonposition bleibt schön regelmäßig.

4. Saitenhalterung

Saitenhalterung bei Koistinen (oben) und
Lovikka (unten). Eigenes Foto.

Schließlich noch ein Unterschied: Lovikka hat sich auch bei seinen "modernen" Modellen für eine eher traditionelle Lösung entschieden, was die Aufhängung der Saiten betrifft. Bei Lovikka ist dieses Teil im Wesentlichen wie ein klassischer "Ponsi" gestaltet - lediglich ein wenig eckiger. Beim 11-saitigen Modell befindet sich etwas außerhalb der Mitte noch einen weiteren hölzernen Steg. Auf der Bassseite sind sechs Saiten aufgehängt, auf der Diskantseite nur fünf.
Koistinen hängt alle Saiten jeweils an Einzelstiften auf (so, wie es auch andere Hersteller tun).
Klanglich nimmt sich das nichts, es ist vor allem eine Frage der Optik.

Wer sich für die Modelle von Lovikka oder Koistinen interessiert, hat also die Qual der Wahl. Beide Instrumente sind von der Verarbeitung her vergleichbar. Unterm Strich sind die Modelle von Koistinen etwas teurer als die Modelle von Lovikka.

Wer vor allem wegen der Halbton-Hebel zu den beiden Marken tendiert, dem empfehle ich jedoch, über folgende Alternative nachzudenken: eine 11-saitige Lovikka mit fünf Stimmhebeln kostet derzeit 505,-- Euro, eine Koistinen mit dieser Ausstattung sogar 685,-- Euro; jeweils zuzüglich Porto und Versandkosten. Die Hebel sind praktisch, wenn man etwa auf der Bühne schnell zwischen Dur und Moll umstimmen muss. Wo das nicht erforderlich ist, sollte man überlegen, ob man statt des teuren Hebelsystems nicht lieber zwei Kantelen ohne Hebelsystem anschafft. So habe ich mich letztlich entschieden: eine meiner zehnsaitigen Kantelen von Melodia Soitin ist in Dur, die andere in Moll gestimmt. Ich wechsle einfach das Instrument. Und sollte mal Besuch kommen und mit mir zusammen Kantele spielen wollen, dann habe ich stets zwei Instrumente zur Verfügung. Und günstiger ist diese Lösung auch noch: eine 10- oder 11-saitige Kantele von Melodia Soitin kostet derzeit 215,-- Euro zuzüglich Porto.

Text und Fotos: Peter Widenmeyer, 2015

Montag, 3. August 2015

Zehnsaitige von Lovikka

Beim Kantelekurs vergangenen Samstag hatte einer der Teilnehmer eine zehnsaitige Kantele von Lovikka dabei. Sie ist sozusagen die "große Schwester" der hier schon gelegentlich gezeigten fünfsaitigen Lovikka-Kantele in traditioneller Form.

Lovikka traditionell: zehnsaitige und fünfsaitige in traditioneller Form,
Fichte, rotbraun gebeizt. Eigenes Foto.


Wie diese hat auch die zehnsaitige einen geschlossenen Korpus. Ein nettes Extra ist die kleine Leiste auf der Stimmwirbelseite: hier kann die Greifhand beim Akkordspiel zügig entlanggleiten, ohne an den Wirbeln anzustoßen.

Eine glatte Laufleiste auf der linken Seite ist fürs Umgreifen recht angenehm.
Eigenes Foto.

Ansonsten wie immer bei Lovikka: tadelllose Verarbeitung, angenehm zu spielen und ein erschwinglicher Preis.

Text und Fotos: Peter Widenmeyer, 2015

Freitag, 29. Mai 2015

Ab ins Täschchen!

Spätestens wenn man seine Kantele irgendwo hin mitnehmen möchte, stellt sich die Frage nach einer passenden Hülle. Aber auch zur Aufbewahrung daheim empfielt sich eine Tasche oder ein Koffer. Das schützt das Instrument vor Stößen, Staub und auch vor Schwankungen der Raumtemperatur und der Luftfeuchtigkeit.

Manche Hersteller bieten passende Etuis an - aber es gibt auch günstige Alternativen für fünfsaitige Kantelen.

Melodia Soitin
Für meine beiden fünfsaitigen Kantelen von Melodia Soitin habe ich mir jeweils die auf der dortigen Homepage angebotene Tasche mitbestellt.

Gepolsterte Tasche von Melodia Soitin.
Passt für die traditionelle und für die moderne fünfsaitige Form.
In diesem Innentäschchen findet reichlich Zubehör Platz.

Für 45,-- Euros gibt es eine robuste, gut gepolsterte Stofftasche. Bei der Außenhaut handelt es sich um wasserabweisendes Gewebe. Alles ist solide vernäht. Der Stoff im Inneren besteht aus dünnerem Nylongewebe; eingenäht ist auch eine kleine Tasche, in der Saiten, Stimmschlüssel und Stimmgerät Platz finden. Die ist so platziert, dass sie bei Kantelen mit offenem Korpus genau dort hineinpasst. Aber auch die traditionellen Lovikkas passen in die Tasche. Außerdem ist ein abnehmbarer Schultergurt dabei.

Lovikka
Vergleichsweise teuer ist das Köfferchen von Lovikka: derzeit kostet es 84,-- Euro für die fünfsaitige Kantele. Dafür gibt es hier einen mit Stoff bezogenen, äußerst stabilen Koffer.

Lovikka-Koffer geschlossen...
... und offen. Hier mit der fünfsaitigen Kantele in moderner Form.

Der Kern des Koffers ist vermutlich aus Holz. Stoff und die Füßchen sind nicht nur genietet, wie bei vielen Instrumentenkoffern üblich, sondern mit Kreuzschlitz-Schrauben sauber verschraubt. Verschlossen wird das Gehäuse mit einem soliden Kunststoff-Reißverschluss. Auch hier gibt's einen Schultergurt dazu. Einziger kleiner Schönheitsfehler: in dem mit samtigem Plüsch ausgeschlagenen Koffer klemmen links und rechts zwei graue Schaumstoffstreifen, die das Instrument im Koffer fixieren. Erfüllt seinen Zweck, sieht jetzt aber nicht so toll aus. Ein Innenfach fehlt - wer Zubehör im Koffer mitnehmen will, sollte einfach ein eigenes Stoffsäckchen mit in den Koffer legen.

Hama
Nachdem ich eine ganze Weile nach einem passenden Etui für meine drei traditionellen Lovikkas gesucht hatte, war ich schon drauf und dran, drei Taschen bei Melodia Soitin zu bestellen. Da stieß ich plötzlich auf gepolsterte Taschen, die fast genauso aussahen: Stativtaschen aus dem Fotobedarf für 70cm-Stative.

Die Hama-Tasche eignet sich hervorragend...
... für fünfsaitige Kantelen. Hier: Lovikka traditionell.
Auch hier: Zubehörtasche im Innern.

Ich vermute, dass auch Melodia Soitin auf Stativtaschen zurückgegriffen hat. Und die Idee ist einfach genial. Im Vergleich zu den Taschen von Melodia Soitin sind die von Hama etwas dünner gepolstert, dafür ein klein wenig länger. Das ist gut, da auch die traditionellen fünfsaitigen Kantelen von Lovikka etwas länger sind als die von Melodia Soitin. Ansonsten auch hier: saubere Verarbeitung, Schultergurt, Innentasche. Bei Kantelen mit geschlossenem Korpus (wie hier die traditionelle Lovikka) sollte man vielleicht drauf achten, dass der Schiebergriff (jawoll, das ist der Fachausdruck!) des Reißverschlusses keine Kratzer auf dem Instrument verursacht. Vorsorglich sollte man darauf achten, immer die Unterseite des Instruments auf die der Innentasche zugewandten Seite zu legen.
Erfreulich ist auch der Preis: ich selber konnte die Tasche neu für unter 15,-- Euro Stückpreis auf Ebay ergattern. Im regulären Handel kosten sie in Deutschland um die 20,-- Euro. Für eigene Recherchen: es handelt sich um die Hama-Tasche 00023198.

Koistinen
Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass Koistinen auf ihrer Homepage für ihre fünfsaitigen Wing-Modelle eine hauseigene gepolsterte Stofftasche zum Stückpreis von 65,-- Euro anbieten. Falls ich irgendwann eine solche in Händen halten sollte, werde ich hier im Blog berichten.
Ergänzung Juli 2015: inzwischen gibt es hier die entsprechende Beschreibung der Koistinen-Tasche!

Alle Texte und Bilder: Peter Widenmeyer, 2015

Montag, 18. Mai 2015

Three Shades of Brown

Dreimal Lovikka traditionell: Oben mit braunem Finish, 2014.
Mitte Fichte natur, gebraucht, nachgedunkelt. Unten Fichte natur, 2015.

Im Lauf des letzten Jahres sind insgesamt drei traditionelle fünfsaitige Lovikka-Kantelen hier eingezogen. Die mittlere konnte ich günstig gebraucht erwerben und weiß nicht, wie alt sie ist. Man sieht aber deutlich, dass das Schall-Loch gegenüber den aktuellen Modellen etwas größer gebohrt wurde. Ich könnte jetzt nicht sagen, dass sich aus der unterschiedlichen Schalllochgröße irgendwelche hörbaren Unterschiede in Klang oder Lautstärke ergeben.
Die Verarbeitung ist bei allen drei Instrumenten sehr gut - empfehlenswert für alle, die ein traditionelles Instrument mit geschlossenem Korpus suchen.

Falls jemand Lust hat, sie mal auszuprobieren: einfach zu einem Tageskurs oder zum Sommerkurs bei mir anmelden! Nähere Infos unter www.kantele.info!

Natürlich können dort auch meine anderen Kantelen von Melodia Soitin angespielt und angeschaut werden!

Auf ein Instrument von Koistinen spare ich grade noch...

Foto und Text: Peter Widenmeyer, 2015

Samstag, 21. März 2015

Am längeren Hebel...

Bei der fünfsaitigen Kantele kann man leicht von D-Dur zur D-Moll-Stimmung wechseln (und umgekehrt), indem man einfach die mittlere Saite von f# nach f umstimmt.
Geübte Spieler können dieses Umstimmen in wenigen Sekunden erledigen. Aber wenn Lied auf Lied folgt, ist selbst diese kleine Zwangspause vielleicht doch immer noch ein wenig lästig.

Schneller geht das mit einem kleinen Schalthebel, wie ihn z.B. Lovikka und Koistinen gegen Aufpreis für manche ihrer Modelle anbieten.

Lovikka-Umschalter mit Hebel, Anschlag und Umlenkstift.
Eigenes Foto 2015.

In dieser Vorrichtung steckt einiges an Know-How. Und ich muss zugeben: es funktioniert besser, als ich dachte. Die Exzenter-Scheibe drückt die Saite bei Dur-Stellung tatsächlich nur minimal nach außen - und laut Stimmgerät liegt zwischen beiden Schalterstellungen exakt ein Halbtonschritt.

Bei 10- und 11-saitigen Kantelen benötigt man für die Umstellung von D-Dur nach D-Moll allerdings schon 4 bis 5 Hebel. Je nach Hersteller kostet das 45 bis 50 Euro Aufpreis - pro Hebel, wohlgemerkt. Da muss man dann schon rechnen, ob es nicht günstiger ist, zwei hebellose Instrumente anzuschaffen - je eins für Moll und eins für Dur.
Text und Bilder: Peter Widenmeyer, 2015.

Tradition und Moderne

Einige Serienhersteller gliedern ihr Angebot an kleinen Kantelen, indem sie sie hinsichtlich ihrer Form als "modern" oder "traditionell" deklarieren. Doch was ist damit gemeint?

Von links nach rechts: Lovikka traditionell, Lovikka modern,
Melodia Soitin traditionell, Melodia Soitin modern. Eigenes Foto 2015.

Wie man auf dem Bild sehen kann, verfügen die gezeigten (und z.B. auch die "Wing"-Modelle von Koistinen) "modernen" Modelle an der Kopfseite über einen kleinen, abgerundeten "Flügel". Damit erinnern diese modernen Instrumente an die baltische Verwandtschaft, zum Beispiel an die im Osten Lettlands (in Lettgallen) verbreitete Variante der Kokle. Dort ist dieser Flügel schlicht und einfach rechteckig, so dass diese Instrumente noch sehr das Brett erahnen lassen, aus dem sie gemacht sind.
Dieser Flügel gibt dem Instrument etwas mehr Resonanzfläche, und nicht selten stützen die Spieler dort ihren linken Unterarm beim Spielen auf.

Ein weiterer Unterschied ist bei manchen Instrumenten im modernen Stil die Aufhängung der Saiten: statt am querliegenden "varras" werden die Saiten einzeln an senkrecht stehende Metallstifte angebracht.

Einzelaufhängung der Saiten bei der modernen Variante der
fünfsaitigen Kantele von Melodia Soitin. Eigenes Foto 2015.

Hier stellt Lovikka eine Ausnahme dar: trotz modern gerundeten Flügels findet sich am andern Ende die klassische "varras"-Aufhängung (wenn auch mit gerader statt gerundeter Aussparung).

Lovikka fünfsaitige Kantele "modern". Eigenes Foto 2015.

Da wir grade über "modern" sprechen: der Korpus des modernen Lovikka-Modells ist übrigens aus dem vollen (Erlen-)Holz gefräst - mit CNC-Unterstützung, soweit ich das beurteilen kann. Damit ist die Herstellung einerseits ganz weit weg von der Tradition - und zugleich wieder nah dran. Denn aus dem vollen Holz, aus einem einzigen Stück, wurden Kantelen schon seit Jahrhunderten geschnitzt.

Text und Fotos: Peter Widenmeyer, 2015

Freitag, 13. Februar 2015

Mut zur Improvisation

Neben dem Melodie- und Akkordspiel eignet sich die Kantele auch sehr gut zur Improvisation. Dabei zupft man mit den Fingern beider Hände die Saiten nacheinander - oder auch mehrere Saiten gleichzeitig an. Einfach so, ohne groß nachzudenken.
Auch so wurde und wird die Kantele seit langer Zeit gespielt. Musik entspannt, und man kann sich wunderbar in den Klängen verlieren. Das muss gar nichts mit Mystik und Esoterik zu tun haben. Es ist einfach schön, die Gedanken ein wenig schweifen zu lassen - und die Finger finden bald ihren Weg. Man spielt einfach für sich selbst, - es gibt keine Fehler, keinen Anspruch, keine musikalische Leistung, einfach nur Klang, dem man sich anvertrauen kann.

Für das Zupfen der fünfsaitigen Kantele hat sich folgende Fingeranordnung bewährt:

Fingerzuordnung beim Zupfen der fünfsaitigen Kantele.
Eigenes Foto.

Der Zeigefinger der rechten Hand zupft die tiefste Saite. Ring-, Mittel- und Zeigefinger der linken Hand üernehmen die Saiten 2-4. Der rechte Daumen wiederum ist für die höchste Saite zuständig.
Man muss sich freilich nicht sklavisch an diese Empfehlung halten. Sinnvoll ist diese Fingerzuordnung aber deshalb, weil man so auch "blind" (also ohne hinzuschauen) zupfen und dennoch zielsicher die gewünschte Saite anspielen kann. Außerdem kann man aus diese Fingerstellung sinngemäß auch auf die 10- und 11-saitige Kantele anwenden.

Zum Improvisieren kann man die fünfsaitige Kantele unterschiedlich stimmen. Denkbar ist die Moll-Stimmung ebenso wie die Dur-Skala. Auch pentatonische Stimmungen bieten sich an.

Verschiedene Stimmungen für fünfsaitige Kantele.
Eigene Grafik.

Achtung bei der Variante "Pentatonisch, Grundton D": sollte die 5. Saite schon bei der Stimmung auf "a" bereits recht straff sein, könnte sie ggf. reißen, wenn man sie "c" hochstimmt! Alternativ könnte man für Pentatonik auch auf cdega (statt degac) stimmen - so kann eigentlich nichts passieren.

Hier mal ein kleines Hörbeispiel in D-Moll, kleine Fehler inklusive. Diesmal habe ich nur die Audio-Datei aufgenommen, das Youtube-Video zeigt also diesmal keine bewegten Bilder:



Also, einfach mal ausprobieren und ein wenig bei Kanteleklängen entspannen...

Text, Illustrationen, Video: Peter Widenmeyer, 2015

Freitag, 2. Januar 2015

Gebraucht geht's auch...

Wer nicht gleich über hundert Euro für die erste Kantele ausgeben möchte, kann sich auch auf den bekannten Auktions- und Kleinanzeigen-Plattformen umsehen. Oft gibt es dort gut erhaltene gebrauchte Instrumente, so wie hier diese fünfsaitige von Lovikka, die vor ein paar Tagen ins Haus kam.

Lovikka - Traditionelles Modell mit 5 Saiten. Kiefer natur.
Eigene Aufnahme.

Da kleine Kantelen finnischer Bauart üblicherweise keinen Steg, keinen Sattel und keine Bünde haben, müssen die Saiten viel seltener ausgewechselt werden, als das bei bundierten Instrumenten wie z.B. Gitarre oder Ukulele der Fall ist. Da die Saiten nirgends aufliegen und oft nur gezupft oder mit den Fingern angeschlagen werden, halten sie sehr lange.
Sollten die Saiten schon etwas "stumpf" oder angelaufen sein, kann man mit Hilfsmitteln wie "GHS Fast Fret" (oder natürlich auch mit entsprechenden Produkten anderer Hersteller) die Saiten wieder reinigen und spielfähig machen.

In diesem Sinne: Augen auf - und viel Erfolg beim Gebrauchtkauf!
Text und Foto: Peter Widenmeyer, 2015

Mittwoch, 17. September 2014

Die fünfsaitige Kantele

Oben: Fünfsaitige Kantele mit offenem Boden (und deshalb ohne Schallloch),
Hersteller: Melodia Soitin. Unten: Fünfsaitige Kantele mit geschlossenem
Korpus und Schallloch. Hersteller: Lovikka

Die Kantele (auch "Kannel") ist ein uraltes finnisch-karelisches Saiteninstrument. Sie zählt zur Familie der griffbrettlosen Kastenzithern. Ähnliche Instrumente sind im ganzen Baltikum und darüber hinaus bekannt (Kannel in Estland, Kokle in Lettland, Kanklès in Litauen und Gusli im Nordwesten Russlands).

Ursprünglich wurden die kleinen Kantelen aus einem vollen Stück Holz geschnitzt. Serieninstrumente werden heute auch in Rahmenbauweise und aus verschiedenen Hölzern (Kiefer, Erle, Birke u.a.) hergestellt. Der Resonanzkasten kann hinten offen sein. Es gibt aber auch Kantelen mit geschlossenem Korpus und einem Schallloch in der Decke.


Die ältesten Kantelen hatten fünf Saiten aus Pferdehaar. Heute werden meist Stahlsaiten verwendet. Gestimmt wird die fünfsaitige Kantele meist in D Moll (defga) oder in D Dur (def#ga). Gelegentlich findet man auch pentatonische Stimmungen. Damit gehört die Kantele zu den diatonischen Instrumenten. Das erleichtert das einfache, intuitive Musizieren  - aber es bedeutet auch, dass Halbtöne, die von der jeweiligen Tonleiter abweichen, nicht gespielt werden können.
 

Im Lauf der Zeit hat man die Möglichkeiten des Kantelespiels durch zusätzliche Saiten erweitert. Gängig sind heute neben der fünfsaitigen Kantele auch 10 , 11  und 15 saitige Modelle (sogenannte "Kleine Kantelen"). Sie werden zum Spielen auf den Schoß oder auf den Tisch gelegt. Die Saiten werden entweder mit den Fingern beider Hände gezupft – oder man dämpft zur Akkordbegleitung mit der linken Hand die Saiten, deren Töne nicht in den Akkord passen, während die rechte Hand über alle Saiten streicht.
In den letzten hundert Jahren hat sich dann auch der Typ der großen Konzert-Kantelen mit bis zu 39 Saiten herausgebildet. Sie verfügen oft über spezielle Hebel, dank derer auch Halbtöne erzeugt werden können, die außerhalb der diatonischen Skala liegen. Damit lässt sich dann sogar klassische Musik auf der Kantele spielen!

Text und Grafik: Peter Widenmeyer, 2014