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Samstag, 3. Oktober 2015

Jetzt kommt Stimmung in die Bude!

Die Kantele sauber durchzustimmen ist auch für mich - mit über 40 Jahren Erfahrung mit Saiteninstrumenten - immer noch eine kleine Herausforderung. Einer der Gründe dafür ist, dass bei der Kantele üblicherweise sogenannte Zitherwirbel verbaut werden - und die sind, anders als bei Gitarre & Co. - nicht übersetzt. Das bedeutet: jeder halbe Millimeter Drehung wirkt sich unmittelbar auf die Stimmung aus. Worauf man achten kann, möchte ich in diesem Blog-Beitrag einmal genauer beschreiben.

Das Werkzeug
Zur Stimmung der Kantele braucht man natürlich einen Stimmschlüssel. Neuen Instrumenten liegt meistens einer bei. Grundsätzlich unterscheidet man die kürzeren T-Schlüssel. Wer lieber mit einem etwas längeren Hebel arbeitet, wählt einen sogenannten L-Schlüssel. Wichtig ist aber, dass die Stärke der Stimmwirbel mit dem Innen-Vierkant des Stimmschlüssels zusammenpasst.

Unten: T-Schlüssel. Oben: L-Schlüssel. Eigenes Foto.

Außerdem braucht man natürlich eine Referenz für den richtigen Ton. Früher musste man einfach nur den Telefonhörer abheben, um einen lupenreinen Kammerton "A" (440 Hz) zu erhalten. Heute haut das nach meiner Erfahrung nicht mehr immer hin. Wer ein gutes Gehör hat, kann sich an einer handelsüblichen Stimmgabel oder Stimmpfeife orientieren und das Instrument dann nach Gehör durchstimmen. Ansonsten bieten sich auch Instrumente wie Mundharmonika, Melodica oder Klavier an, wenn man weiß, wo die entsprechenden Töne liegen. Am einfachsten geht's natürlich immer noch mit einem elektronischen Stimmgerät. Die kosten nicht viel und die meisten lassen sich per Clip irgendwo ans Instrument heften. Allerdings sollte man bedenken: elektronische Stimmgeräte liefern zwar immer eine mathematisch genaue Stimmung. Das passt gut für chromatische und bundierte Instrumente. Diatonische Tonleitern (und die Kantele ist ein diatonisches Instrument) folgen aber nicht zu hundert Prozent der mathematischen Teilung. Das kann ich hier nicht ausführen - ich sage nur: schult auch euer Gehör, und kommt nicht gleich in Panik wegen ein paar Cent Abweichung auf dem Stimmgerät!

Den richtigen Ton holt man sich von anderen Instrumenten oder mit einem
geeigneten elektronischen Stimmgerät. Nicht im Bild: Stimmpfeife. Eigenes Foto.

Der richtige Dreh
Die wichtigste Regel: man stimmt immer von tief nach hoch. Denn auf diese Weise setzt man der vorhandenen Saitenspannung (die den Wirbel ja sozusagen "zu sich her" und damit "nach unten" ziehen will) die entgegengesetzte Richtung entgegen.
Das bedeutet: hat man die Saite etwas zu hoch gestimmt, dann dreht man sie wieder leicht unter den gewünschten Ton und nähert sich dann wieder "von unten her" auf den richtigen Ton hin.
Dazu sollte man sich bewusst machen, wie sich die jeweilige Drehrichtung auf die Stimmung auswirkt. Das folgende Bild zeigt dies aus Sicht des Spielers (das heißt bei den kleinen Kantelen: kurze Saite zum Spieler, lange Saite entfernt vom Spieler).

Drehung im Uhrzeigersinn erhöht den Ton, Drehung gegen den Uhrzeigersinn
verringert die Saitenspannung und der Ton wird tiefer. Eigenes Foto.

Eine weitere Schwierigkeit: immer, wenn man den Stimmschlüssel ansetzt und dreht, übt man auch leichten Druck auf ihn aus. Man drückt ihn beim Hochstimmen automatisch leicht von sich weg. Dadurch erhöht sich die Saitenstimmung (nach meiner Erfahrung) leicht nach oben. Es macht deshalb Sinn, beim Überprüfen der Stimmung immer mal wieder den Stimmschlüssel loszulassen (dabei aber auf dem Stimmwirbel sitzen zu lassen) und dann zu schauen, was das Stimmgerät anzeigt. Daran sollte man sich orientieren.

Stimmschlüssel immer mal wieder loslassen, um den Stimmwirbel zu entlasten
und dann Saitenstimmung überprüfen. Eigenes Foto.

Ebenfalls ein häufiger Fehler: manchmal verwechselt man die Saite, die man stimmt und die Saite, die man anschlägt. Wenn man also dreht und es tut sich nichts: sofort aufhören! Dreht man nämlich immer weiter, kann die Saite reißen! Auch deshalb empfiehlt es sich, die Saite erstmal leicht nach unten zu stimmen und dabei eben zu überprüfen, ob man auch am richtigen Stimmwirbel dreht!

Immer überprüfen, ob man tatsächlich auch die Saite anspielt,
an deren Stimmwirbel man dreht! Eigenes Foto.

Check-Out
Und nun: mit diesen Spielregeln im Kopf einfach mal durchstimmen - solange, bis das Stimmgerät "grünes Licht" gibt.

So sollte es aussehen. Eigenes Foto.

Wichtig ist noch: viele elektronische Stimmgeräte haben verschiedene Modi für spezielle Instrumente, zum Beispiel Abweichungen vom Kammerton oder einen speziellen Modus für ganz bestimmte Instrumente! Bitte einfach mal die Bedienungsanleitung des Geräts lesen!
Hier auf dem Foto wurde die richtige Stimmung gewählt: bei diesem Gerät steht "C" für "Chromatisch", also die ganz reguläre Tonhöhen-Erkennung.

Wichtig ist auch: bei 10-, 11-, 15- oder mehr-saitigen Instrumenten sollten auch die Oktaven sauber stimmen, sonst klingt es irgendwie schief. Wer sein Gehör ein bisschen schult, hört nach einiger Zeit, ob es passt. Wer die Oberton-Technik (Flageolett) beherrscht, kann einige Saiten auch mit dieser Technik sehr genau überprüfen. So sollte die Tonhöhe z.B. der tiefen A-Saite, im Flageolett gegriffen, genau mit der hohen A-Saite übereinstimmen.

Die Oktavreinheit sollte am Ende nochmal überprüft und gegebenenfalls
nachgestimmt werden. Eigenes Foto.

Zum Glück bleibt die Kantele dann in sich relativ stimmstabil, selbst wenn die Stimmung insgesamt im Lauf von Wochen sich leicht absenken kann. So lange man nicht mit anderen Instrumenten zusammen spielt, muss man also nicht immer gleich wieder nachstimmen.

Mit diesen Tipps im Hinterkopf sollte eigentlich nichts mehr schiefgehen. Viel Erfolg!

Text und Bilder: Peter Widenmeyer, 2015

Freitag, 2. Januar 2015

Gebraucht geht's auch...

Wer nicht gleich über hundert Euro für die erste Kantele ausgeben möchte, kann sich auch auf den bekannten Auktions- und Kleinanzeigen-Plattformen umsehen. Oft gibt es dort gut erhaltene gebrauchte Instrumente, so wie hier diese fünfsaitige von Lovikka, die vor ein paar Tagen ins Haus kam.

Lovikka - Traditionelles Modell mit 5 Saiten. Kiefer natur.
Eigene Aufnahme.

Da kleine Kantelen finnischer Bauart üblicherweise keinen Steg, keinen Sattel und keine Bünde haben, müssen die Saiten viel seltener ausgewechselt werden, als das bei bundierten Instrumenten wie z.B. Gitarre oder Ukulele der Fall ist. Da die Saiten nirgends aufliegen und oft nur gezupft oder mit den Fingern angeschlagen werden, halten sie sehr lange.
Sollten die Saiten schon etwas "stumpf" oder angelaufen sein, kann man mit Hilfsmitteln wie "GHS Fast Fret" (oder natürlich auch mit entsprechenden Produkten anderer Hersteller) die Saiten wieder reinigen und spielfähig machen.

In diesem Sinne: Augen auf - und viel Erfolg beim Gebrauchtkauf!
Text und Foto: Peter Widenmeyer, 2015

Sonntag, 12. Oktober 2014

Die fünfzehnsaitige Kantele

Vor kurzem traf die fünfzehnsaitige Kantele, die rechts im Bild zu sehen ist, bei mir ein:

Drei Schwestern (von links nach rechts): Kantele mit 5, 10 und 15 Saiten.
Hergestellt von Melodia Soitin, Finnland.

Der Tonumfang beträgt 2 (diatonische) Oktaven. Gestimmt ist sie in D-Dur: A-H-C#-D-E-F#-G-A-H-C#-D-E-F#-G-A.
Eine neue Herausforderung! In der unteren Lage sind die Griffe ähnlich wie bei der zehnsaitigen - in der oberen Lage jedoch muss ich mir erst neue Akkorde erarbeiten.
Alle drei Instrumente wurden sind aus massiver Erle hergestellt und hervorragend verarbeitet. Hergestellt wurden sie bei Melodia Soitin, Saarijärvi.

Text und Foto: Peter Widenmeyer, 2014

Freitag, 26. September 2014

Grundakkorde für fünfsaitige Kantele



In dieser Übersicht habe ich die wichtigsten Grundakkorde für fünfsaitige Kantele in D-Dur bzw. in D-Moll zusammengestellt. Mit diesen Akkorden kann man schon viele Volks- und Kinderlieder begleiten. Viel Spaß damit!
Text und Grafik: Peter Widenmeyer, 2014

Die zehnsaitige Kantele

Oben: 10saitige Kantele in traditioneller Form
Unten: 10saitige Kantele in "moderner" Form mit gerundetem "Flügel"
Hersteller: Melodia Soitin, Finnland.



Hier sind zwei Beispiele für zehnsaitige Kantelen zu sehen. Oben im Bild eine Kantele in traditioneller Form. Bei der unteren Kantele handelt es sich um ein Einzelstück: Die Decke ist an der Kopfseite noch über die Wirbel hinausgezogen und gibt dem Instrument eine elegante, abgerundete Form. Diese Bauweise geht in Richtung verwandter Instrumente des Baltikums: in Estland wie in Lettland steht der "Flügel" sogar weit und rechteckig wie das Brett, aus dem es gemacht ist, über.
Diese Verlängerung hat nicht nur optische Gründe: sie vergrößert auch die schwingende Fläche der Decke, außerdem kann sich die linke Hand des Spielers darauf stützen.
Text und Grafik: Peter Widenmeyer, 2014

Mittwoch, 17. September 2014

Die fünfsaitige Kantele

Oben: Fünfsaitige Kantele mit offenem Boden (und deshalb ohne Schallloch),
Hersteller: Melodia Soitin. Unten: Fünfsaitige Kantele mit geschlossenem
Korpus und Schallloch. Hersteller: Lovikka

Die Kantele (auch "Kannel") ist ein uraltes finnisch-karelisches Saiteninstrument. Sie zählt zur Familie der griffbrettlosen Kastenzithern. Ähnliche Instrumente sind im ganzen Baltikum und darüber hinaus bekannt (Kannel in Estland, Kokle in Lettland, Kanklès in Litauen und Gusli im Nordwesten Russlands).

Ursprünglich wurden die kleinen Kantelen aus einem vollen Stück Holz geschnitzt. Serieninstrumente werden heute auch in Rahmenbauweise und aus verschiedenen Hölzern (Kiefer, Erle, Birke u.a.) hergestellt. Der Resonanzkasten kann hinten offen sein. Es gibt aber auch Kantelen mit geschlossenem Korpus und einem Schallloch in der Decke.


Die ältesten Kantelen hatten fünf Saiten aus Pferdehaar. Heute werden meist Stahlsaiten verwendet. Gestimmt wird die fünfsaitige Kantele meist in D Moll (defga) oder in D Dur (def#ga). Gelegentlich findet man auch pentatonische Stimmungen. Damit gehört die Kantele zu den diatonischen Instrumenten. Das erleichtert das einfache, intuitive Musizieren  - aber es bedeutet auch, dass Halbtöne, die von der jeweiligen Tonleiter abweichen, nicht gespielt werden können.
 

Im Lauf der Zeit hat man die Möglichkeiten des Kantelespiels durch zusätzliche Saiten erweitert. Gängig sind heute neben der fünfsaitigen Kantele auch 10 , 11  und 15 saitige Modelle (sogenannte "Kleine Kantelen"). Sie werden zum Spielen auf den Schoß oder auf den Tisch gelegt. Die Saiten werden entweder mit den Fingern beider Hände gezupft – oder man dämpft zur Akkordbegleitung mit der linken Hand die Saiten, deren Töne nicht in den Akkord passen, während die rechte Hand über alle Saiten streicht.
In den letzten hundert Jahren hat sich dann auch der Typ der großen Konzert-Kantelen mit bis zu 39 Saiten herausgebildet. Sie verfügen oft über spezielle Hebel, dank derer auch Halbtöne erzeugt werden können, die außerhalb der diatonischen Skala liegen. Damit lässt sich dann sogar klassische Musik auf der Kantele spielen!

Text und Grafik: Peter Widenmeyer, 2014