Sonntag, 11. Oktober 2015

Der Vetter aus dem fernen Osten: Taisho Koto

Wer rund ums Thema "Kantele" durchs Internet surft, stößt früher oder später auch auf die Kantele-Szene in Japan. Es gibt eine ganze Reihe von Artikeln, Blog-Einträgen und natürlich Youtube-Videos, die das belegen. Da mein Japanisch noch schlechter ist als mein Finnisch, verweise ich hier z.B. mal auf einen Blog-Beitrag in Englisch:

Kantele in Japan (bei Kantelista)

Woher kommt die Affinität der Japaner zur finnischen Kantele? Instrumente aus der Familie der Zithern haben ja auch im Fernen Osten eine lange Tradition. Auf dem folgenden Bild ist eine Dame zu sehen, die ein 13-saitiges Koto spielt.

Koto-spielende Dame. Zeichnung von Hasegawa Settei (1878).
Bildquelle: Wiki Commons. Public Domain.

Gewisse Ähnlichkeiten zur finnischen Kantele sind durchaus vorhanden - auch wenn das japanische Pendant zu den Wölbbrett-Zithern gehört (die Kantele ist eine griffbrettlose Kastenzither). Beim Koto werden alle Saiten etwa gleich gespannt. Die unterschiedliche Tonhöhe der einzelnen Saiten wird durch die "Gänsefüßchen", das sind einzeln verschiebbare Stege, erzeugt. So kann sogar während des Musizierens die Stimmung nachjustiert oder auch eine andere Tonleiter eingestellt werden.

Nun aber von der Kantele zu dem Instrument, das ich heute hier vorstellen möchte: das Taisho Koto.

Entfernte Verwandtschaft: Taisho Koto aus Japan (oben) und
finnische Kantele (unten). Eigenes Foto.

Zither-Instrumente waren in Japan in vielen Fällen auf die Verwendung am Hof oder im Tempel beschränkt. Sie waren also nicht unbedingt "volkstümliche" Instrumente. Zudem wuchs im 19. Jahrhundert in Japan das Interesse an westlicher Musik (und die Begeisterung für Mechanik, die vielleicht die Grundlage für die heutige sprichwörtliche Begeisterung für die Elektronik in Japan war).
So wurden im späten 19. Jahrhundert zwar "westliche" Instrumente wie Geige und Klavier importiert. Es gab aber keine für jedermann erschwinglichen Instrumente, mit deren Hilfe man in Japan die europäische Musiktradition hätte vermitteln können.
Hier schuf nun Herr Nisaburo Kawaguchi (Künstlername: Goro Morita) Abhilfe. Nach diversen Konzert- und Bildungsreisen nach Europa brachte er im Jahr 1912 das erste "Taisho Koto" (大正琴) auf den Markt. "Koto" in Anlehnung an das oben erwähnte traditionelle japanische Instrument, und "Taisho", da nur wenige Wochen zuvor ein neuer Kaiser den japanischen Thron bestiegen hat. Nach seinem Kaiser-Namen "Taisho" ist die gesamte Ära der folgenden Jahre benannt.
Man weiß nicht sicher, ob Goro Morita auf seinen Reisen nach Europe und in die USA tatsächlich Instrumente wie Hummel oder Mountain Dulcimer kennen gelernt hat (wenngleich - neben anderem - die Bordun-Saiten durchaus daran erinnern). Aber dass er sich bei der "Tastatur" des Instruments von den mechanischen Schreibmaschinen jener Zeit inspirieren ließ, ist unumstritten. Das Taisho Koto verfügt über ein schmales, bundiertes Griffbrett. Die Saiten werden aber nicht mit den Fingern abgegriffen, sondern indem sich beim Niederdrücken der entsprechenden Taste der metallene Hebel auf die Melodiesaiten legt. Darüberhinaus verfügt das Taisho Koto - je nach Bauart - über eine oder mehrere Bordunsaiten. Diese werden von den Hebeln im wahrsten Sinn des Wortes nicht tangiert. Bei manchen modernen Instrumenten verzichtet man ganz auf die Bordun-Saiten und verwendet das Taisho Koto als reines Melodie-Instrument.

Hier sieht man Sattel und "Schreibmaschinen"-Mechanik des Taisho Koto.
Dieses Modell (Kawai KT-35) hat rechteckige Tasten. Eigenes Foto.

Hier der typische Steg: rechts die Melodiesaiten (hier: vier), die über das
Griffbrett laufen, links die tiefer liegenden Bordun-Saiten. Eigenes Foto.

Insgesamt sind die spielerischen Möglichkeiten des Taisho Koto begrenzt. Es ist für mich sozusagen die Melodica unter den Saiteninstrumenten. Andererseits ermöglicht es einen niederschwelligen Zugang zur Musik - auch älteren Menschen oder solchen, die keine Möglichkeit haben, ein komplexeres Musikinstrument zu erlernen. In Japan wird es deshalb oft - auch im mehrstimmigen - Ensemble oder mit Playback gespielt. Laut und durchsetzungsfähig ist das Instrument jedenfalls. Ich habe hier mal ein europäisches Stück in Moll auf dem Taisho Koto eingespielt:


Weitere Informationen gibt es hier...
... auf Wilfried Ulrichs Hummel-Seite
... auf der Homepage des "Lyrist"-Projektes
... und auf meiner eigenen Taishokoto-Seite: www.taishokoto.de

Text, Fotos und Video: Peter Widenmeyer, 2015
Bildquelle Zeichnung Koto-spielende Frau: Wiki Commons. Gemeinfrei.

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